
Ich habe so gewisse Traditionen, die manchmal auf andere befremdlich wirken. Eine ist die folgende: Um den 21. Juni herum eine Wanderung mit Übernachtung zu machen. Dieses Jahr übernachtete ich auf dem Gumen oberhalb von Braunwald im Kanton Glarus.
Warum denn genau diese Tradition? Ganz einfach: Der 21. Juni ist bekanntermassen der längste Tag. Da kann ich am Abend lange die Bergwelt geniessen mit ihren Wiesen in voller Blüte. Und darum mache ich das.


So habe ich Zeit, das Licht wirken zu lassen. Am Abend werden die Kontraste und die Farben anders. Der Himmel wird in ein magisches Rot getaucht. Die Bergsilhouetten verändern sich, als ob die Berge lebten. Die Farben des Lichts schlagen in wenigen Minuten um. Dazu muss man eben oben bleiben.

Jetzt muss ich etwas ausholen: Wir reisten mit einer Familie zusammen und übernachteten in Braunwald. Weil alles etwas kurzfristig war, blieb uns nur ein Hostel übrig, das eher medioker war. Dafür war der Seilpark auf dem Grotzenbüel sehr gut geeignet für die beiden Jungs, die den in vollen Zügen genossen. Eine kleine Fügung brachte es mit sich, dass ich am Montag ausserordentlich frei hatte. So nutzte ich das aus und blieb eine Nacht länger. Nicht in dem komischen Hostel, sondern im Berggasthaus Gumen. Eine andere Nummer. Sehr empfehlenswert. Das Abendessen war ein herrlicher Braten mit Fleisch aus der Gegend. Zum Salat davor wurde frisches Brot einer lokalen Bäckerei gereicht. Schon alleine deswegen lohnt sich der Besuch.

Wie es der Zufall so wollte, wurde am Tag vor unserer Anreise die Schliessung des Skigebiets bekanntgegeben. Das war dann bei fast allen Begegnungen mit Leuten vor Ort das Gesprächsthema. Der Mann, der mit an der einen Bergbahn das Billet verkauft, wurde schnell melancholisch. Und reichte aber sofort nach, wie sich das abgezeichnet habe: Immer weniger Leute seien im Winter gekommen. Der Weg von der Standseilbahn zu Fuss zur Talstation der Gondel sei halt für die von Bequemlichkeit geplagten Menschen zu weit. Und mit so wenig Gästen pro Tag sei ein profitabler Betrieb halt nicht mehr möglich. Auch der Schwund an Skilagern habe beigetragen.
Aber wenn man dort oben rumwandert wird auch sofort anderes klar: Da ist die Zeit stehengeblieben. Die Gruppenumlaufbahn zum Seilpark ist ein Relikt aus einer Zeit, wo man mit diesem Konzept einfachere Bahnen bauen wollte. Es hat sich nicht durchgesetzt. Aber auch die Anreise nach Braunwald hätte Verbesserungspotential. Und für 1.5 Stunden Zürich-Linthal schon etwas mehr Komfort geboten werden als eine S-Bahn. Und schneller ginge das sicher auch, wenn auch nicht ohne Investitionen. Und wohl genau daran liegt es.
So mühsam das ist, wir werden uns daran gewöhnen müssen. Für die Besitzer von Ferienwohnungen, die sich ihren Lebensabend mit Vermietung finanzieren wollten, ist das hart. Aber wir wissen seit über 60 Jahren, dass das mal so kommen wird, wenn wir weiterhin solche Mengen an Gasen rausblasen, die Infrarotlicht absorbieren.

Am Tag darauf wanderte ich dann über die Charetalp zur Glattalphütte. Eigentlich wollte ich über die Furggele zwischen Ortstock und Höch Turen wandern. Aber da war doch noch zu viel Schnee drin. Der Nachteil vom Juni. Dafür wurde ich mit Karstfeldern belohnt.

Mit der Seilbahn Sahli-Glattalp bin ich dann runtergefahren. Eine ziemlich untypische Bahn. Sie fährt auf einer Fahrspur, hat zwei Tragseile und die Kabine bietet nur für wenige Leute Platz. Primär für den Lastentransport für das Kraftwerk konzipiert. Der Personentransport ist dann eine Nebennutzung der praktischeren Art.

Hinweis: Einige der Bilder hier habe ich mit Focus-Stacking erstellt. Wer mehr dazu wissen will, sei auf den Beitrag „Tiefenschärfentiefe“ verwiesen (technische Details finden sich dort ganz unten).
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