Tiefenschärfentiefe

Bruggerberg. TTArtisan 6.0 mm f/4.0 ISO 1000, HDR-Bild in Lightroom aus einer Serie mit 3 Bildern, ±2 EV (1/40, 1/240, 1/1100 s)

[Vorbemerkung: Bei den Bildern in diesem Beitrag geht es u.a. um Schärfe. Auf einem Mobilgerät ist das fast nicht zu erkennen. Ich empfehle, diesen Beitrag auf einem grösseren Bildschrim zu betrachten.]

Tiefenschärfe oder Schärfentiefe? Ich will mich nicht festlegen. Diskussionen darüber gibt es viele. In letzter Zeit habe ich mich erneut damit beschäftigt. Ich habe für mich das sogenannte Focusstacking entdeckt. Mehr dazu weiter unten.

Beim Fotografieren im Wald sieht man ja manchmal sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Und einfach drauflosknipsen funktioniert da irgendwie nicht wirklich. In letzter Zeit habe ich versucht, mich an das Problem heranzutasten. Viel weiter als ein paar dilettantische Versuche bin ich nicht gekommen. Doch der Weg ist interessant.

Das Bild oben zeigt eine gewagte Perspektive, die ich mit einem Fischauge aufgenommen habe (siehe diesen Beitrag zu dessen ersten Einsatz). Die Kamera war auf einem Stativ und war senkrecht nach oben gerichtet. Ich musste mich ducken, um nicht noch mit drauf zu sein, so extrem ist der Winkel (über 180° in der Horizontalen). Um den Kontrast zu bewältigen habe ich eine Belichtungsreihe aufgenommen und in Lightroom zu einem HDR-Bild kombiniert. Ich habe es bewusst stark aufgehellt, um das leuchtende Blätterdach herauszuarbeiten, das ich während der Aufnahme empfunden habe. Auf meinem WhatsApp-Kanal hat es auch prompt einige Likes erhalten.

Bruggerberg. Fuji 23 mm f/1.4 bei f/4.0 1/10 s ISO 200. Focusstack aus 14 Bildern, mit HeliconFocus erstellt.

Eine andere Sache ist die Schärfeebene. In der Realität richten wir unser Augenmerk auf verschiedene Bildbereiche und stellen sofort darauf scharf. Unser Erlebnis ist ein überall scharfes Bild. Man muss sich richtig zwingen, nicht zu fokussieren, um die Unschärfe zu erleben, die man mit einer Kamera hat. Meist ist das ein Gestaltungsmerkmal und in den letzten Jahren hat sich aus dem Japanischen das Wort „Bokeh“ dafür eingebürgert. Doch manchmal möchte ich ja die Illusion des realen Empfinden haben, also ein überall scharfes Bild. Mit Focusstacking geht das. Dabei nimmt man eine Serie von Bildern auf, bei denen die Scharfstellung jedes Mal leicht anders ist, so dass jeder Bildbereich in mindestens einem Bild komplett scharf aufgenommen wurde. Mit einer geeigneten Software werden nun die Bilder analysiert und von jedem die schärfsten Anteile so kombiniert, dass ein ganzes, überall scharfes Bild entsteht. Das obige Bild ist einer meiner ersten Erfolge damit. Die Distanz zum Waldboden ganz vorne lag bei etwa 1.5 m, der Hintergrund ist bei „Unendlich“. Auch mit stark geschlossener Blende ist ein solcher Bereich („Schärfentiefe“) nicht mit einem einzigen Bild erreichbar. Das Ergebnis ist beeindruckend.

Feldfrüchte bei Linn. Aufgenommen mit einem 70-210 mm f/4.0

Bei Situationen wie dieser Mohnblume spielt die Begrenzung der Objektive mit rein. Trotz starker Abblendung kriegt man nicht die ganze Blume scharf. Auch dieses Bild habe ich mit Focusstacking aufgenommen. Mehrmals. Denn der Wind hat mir immer wieder mal einen Streich gespielt. Einmal hatte ich Glück, woraus dann dieses Bild geworden ist. Ich mag es. Der Schärfebereich ist erweitert und umfasst das, was ich wollte: Die ganze Blume, etwas von den Samenkapseln. Aber nicht alles. Der Vorder- und der Hintergrund sind noch unscharf. Das gefällt mir.

Walderdbeeren bei Gänsbrunnen

Das menschliche Auge hat nur einen kleinen Schärfenbereich. Wir nehmen das aber selten wahr, weil unser Gehirn dauernd das Auge auf das fokussieren lässt, was wir betrachten wollen. Es braucht eine rechte Willensanstrengung, das Auge mal nicht zu fokussieren. Dann sieht das Bild aus wie bei einer nicht scharfgestellten Fotografie. Das Bild der Erdbeeren zeigt das umgekehrt. Auch hier habe ich wieder mit Focusstacking gearbeitet. Nur ganz vorne ist ein Bereich unscharf. Ich hätte ihn wegschneiden können, klar. Aber ich behielt ihn. Das Bild illustriert das Ungewöhnliche: Überall ist alles scharf. So wie in der Realität, wo das Auge eben überall scharf stellt. Beim Betrachten fällt es erst auf, dass es eben nicht eine typische Fotografie ist, mit einer vom Fotografen gewählten Schärfenebene. Es ist zur Hyperrealität geworden. Ich muss mich noch daran gewöhnen.

Mal schauen, wo das noch hinführen wird. Das Fischauge ist eine Nischensache. Zu viele dieser Bilder und die Sache ist ausgelaugt, wie bei den Drohnenaufnahmen, die man zunächst faszinierend findet, aber wenn man sie zu oft sieht, mag man sie nicht mehr sehen. Zu unnatürlich ist ihr Blickwinkel. Das Focusstacking ist da anders. Das ermüdet nicht. Ich werde das wohl künftig öfter nutzen. Das hat Potential.


Technische Hinweise: Das Benutzerhandbuch zur Fuji XT-4 ist beim Thema Focus Bracketing ziemlich kryptisch. Nachstehend was ich herausgefunden habe. Vielleicht hilft das jemandem. Das Focus Bracketing erstellt automatisch eine Sequenz von Bildern, bei denen ab einem Startpunkt die Schärfebene von Bild zu Bild etwas in Richtung Unendlich verschoben wird. Dazu geht man wie folgt vor:

  1. Im Menu zu Shooting Setting → Drive Setting → BKT Setting gehen.
  2. BKT Select auf FOCUS stellen
  3. Focus Bkt auf MANUAL stellen. Da folgen dann drei Parameter:
    • FRAMES: Anzahl der maximal aufzunehmenden Bilder
    • STEP: Stärke der Veränderung pro Schritt. „1“ bedeutet wenig, „9“ viel.
    • INTERVAL: Wartezeit zwischen den Aufnahmen in Sekunden, „0“ bedeutet keine Wartezeit

Beim linken Rad den Wähler auf BKT stellen. Einmal den Auslöser betätigen und die Serie wird erstellt.

  • Die Serie startet immer bei der aktuellen Schärfeeinstellung (entweder durch den Autofokus bestimmt oder manuell eingestellt) und geht bis ∞. Sobald ∞ erreicht worden ist, bricht die Serie ab. Es werden also meistens weniger Bilder erstellt als in FRAMES gewählt wird.
  • Wenn die Anzahl FRAMES zu klein ist, wird vor Erreichen von ∞ abgebrochen. Es ist aber nicht klar, wo genau das ist. Genauso wie man nicht vorhersagen kann, wieviele Bilder es braucht.
  • Die Bedeutung von STEP ist nirgends quantifiziert. Mit „9“ wird sehr grob gefahren und es entstehen nur wenige Bilder. Mit „5“ habe ich bisher für meine Zwecke ausreichend fein abgestufte Serien erhalten.
  • Der Nutzen von INTERVAL liegt vermutlich im Verhindern von Erschütterungen. Bei „0 s“ wird die Bildfolge mit maximal möglicher Geschwindigkeit erstellt. Das ist gut, wenn sich während der Folge das Licht ändern kann, z.B. wegen vorbeiziehenden Wolken.

Es gibt noch die Automatikfunktion. Daraus wurde ich erst recht nicht schlau. Sie kommt zunächst ganz patent daher: Man wählt den vorderen Fokuspunkt, dann den hinteren. Auslösen und – schwups – werden die Bilder gemacht. Es entstehen aber schnell einmal 100 Bilder. Ausser den beiden Distanzen kann man nichts einstellen. Vorderhand bleibe ich bei der oben beschriebenen „manuellen“ Vorgehensweise.

Das hier erstellt die Bilderserie mit der Kamera, die dann auf dem Computer zusammengefügt werden muss. Ich habe hier Helicon Focus von https://www.heliconsoft.com/ benutzt. Das hat auch ein Plug-In für Lightroom, was die Arbeit erleichtert.


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