Als Schweizer denkt man bei einer Alpenquerung mit der Bahn an den Gotthard oder den Lötschberg. Da gibt es noch mehr. Das hier ist der zweite Teil meines Berichts über meine Reise über den Brenner. Den ersten gibt es hier.
Und nun der Brenner. Den kann man per Railjet oder per ICE befahren. Oder günstiger (und auch pünktlicher) mit dem Regionalzug. Der fährt dann nicht durch, denn die österreichische und die italienischen Bahnen haben nicht dasselbe Stromsystem. Der Zug aus Innsbruck endet im Grenzbahnhof Brenner/Brennero auf einem Stumpengleis. Grenzbeamte führen stichprobenweise Ausweiskontrollen durch. Der Zug in Richtung Bozen und weiter ist zeitlich problemlos zu erreichen, aber ich wollte mir kurz den Ort anschauen. So habe ich einen Anschluss übersprungen. Heute ist der Ort in erster Linie eine Shoppingmall. Sie war zwar begehbar, aber die Geschäfte waren alle zu. Immerhin waren die Toiletten offen. Die benachbarte Kirche war zu. Der ganze Rest vom Dorf wirkte eher unbelebt. Nicht gerade verfallen, aber doch scheint der Ort seine einstige Bedeutung als Grenzort verloren zu haben. Seit der EU und Schengen braust man wohl einfach auf der Autobahn durch. Ein Kaffee wäre nett gewesen. Aber auch da war nichts zu bekommen. Dabei ist doch halb Zehn gar nicht so früh.

Diese Bahnstrecke ist anders als andere alpenquerende Strecken. Sie führt tatsächlich über den Pass. Kein markanter, langer Tunnel, der durchfahren werden will. Es kommt dann schon einer, aber erst weiter unten. Ich habe mir mal eine Tabelle mit den mir bekannten alpenquerenden Eisenbahnen zusammengestellt, um das etwas hervorzuheben:
| Strecke | Übergangstyp | Quelle |
|---|---|---|
| Gotthard | Scheiteltunnel (1882) neu: Basistunnel (2016) | https://de.wikipedia.org/wiki/Gotthardbahn |
| Lötschberg | Scheiteltunnel (1913) neu: Basistunnel (2007) | https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6tschberg-Bergstrecke |
| Simplon | Basistunnel (1898) | https://de.wikipedia.org/wiki/Simplontunnel |
| Mont-Cenis bzw. Fréjus | Scheiteltunnel (1871) | https://de.wikipedia.org/wiki/Mont-Cenis-Eisenbahntunnel |
| Tenda | Scheiteltunnel (1898) | https://de.wikipedia.org/wiki/Tendabahn |
| Bernina | Pass (1910) | https://de.wikipedia.org/wiki/Berninabahn |
| Brenner | Pass (1857) neu: Basistunnel (ca. 2032) | https://de.wikipedia.org/wiki/Brennerbahn |
| Pustertalbahn / Drautalbahn | Pass (1871) | https://de.wikipedia.org/wiki/Pustertalbahn https://de.wikipedia.org/wiki/Drautalbahn |
| Semmeringbahn | Scheiteltunnel (1854) Basistunnel (ca. 2029) | https://de.wikipedia.org/wiki/Semmeringbahn |
Tabelle 1: Liste der mir bekannten alpenquerenden Eisenbahnen. Ich habe die Definition breit gewählt. Jede Strecke, die die Querung in einigermassen Nord-Südrichtung erlaubt, hat es auf die Liste geschafft. Jahreszahlen beziehen sich auf die Eröffnung der Gesamtstrecke bzw. einer bedeutenden Neustrecke. Beachte, dass der Lötschberg nur mit dem Simplon zur querenden Strecke wird. Und beim Gotthard durchfährt man auch noch den Ceneri als längeren Tunnel.

Wenn in ein paar Jahren der Basistunnel in Betrieb genommen wird, wird sich nochmals einiges ändern. Ob die Strecke oben drüber erhalten bleibt? So touristisch wie beim Gotthard oder Lötschberg sieht mir das nicht so aus.
Weiter also mit dem Regionalzug der Ferrovie dello Stato. Alles problemlos, alles pünktlich. Ich bin gleich noch ein paar Stationen weiter bis „Ponte d’Adige Sigmundskron“ gefahren um dann zu Fuss hoch zu Schloss Sigmundskron bzw. Castel Firmiano zu gehen. Also eigentlich ist das eine Ruine. Reinhold Messner hat die zum Museum umgebaut. Erstaunlich gut. Architekt war Werner Tscholl, der das sehr respektvoll gemacht hat. Viel Corten-Stahl und Glas. Und alles so, dass die vom Tal einsehbare Silhouette der Ruine nicht verändert wird.

Wer erwartet, dass da eine Selbstdarstellung gezeigt wird, wird eines Besseren belehrt. Messner hält sich zurück. Da kommt Südtiroler Geschichte vor (der Ort hat u.a. in der Autonomiebewegung des Südtirols eine Rolle gespielt) und der Alpinismus wird facettenreich dargestellt. Auch die spirituelle Rolle der Berge wird in eigentlich gar nicht so schlechter Manier gezeigt. Der kleine Gipfel im Hof kann nicht begangen werden, er wird so zum heiligen Berg. Ein Geheimnis bleibt also: wie sieht es von oben aus? Alles in allem sehr besuchenswer

Dann wieder zu Fuss zur Bahnstation und in Bozen zur Unterkunft. Ich nächtigte zwei Mal im Kolpinghaus. Einfach und gut. Und ganz in der Nähe befindet sich der Ötzi. Das war mir erst bewusst, als ich die Reklame dafür gesehen habe. Und so war klar, dass ich das Südtiroler Archäologiemuseum besuchen musste. Die Ausstellung ist ja gut gemacht. Eigentlich alle wesentlichen Aspekte der Erforschung dieser Gletschermumie werden dargestellt. Die dazu benutzten Methoden werden knapp und doch akkurat beschrieben. Das ist eine Leistung. Durch ein Guckloch kann man dann den tiefgefrorenen Ötzi auch betrachten. Irgendwie faszinierend. Und doch auch eigenartig. Wenn seine Seele noch da ist: Was denkt er über diesen Aufmarsch? Nach Jahrhunderten freigelegt und plötzlich betrachten unzählige Menschen den Leichnam, ohne zu wissen, wer er eigentlich ist. Immerhin: Fotografieren darf man ihn nicht. Und das Personal wacht darüber, dass man das auch nicht tut. Gut so.

Am Tag darauf habe ich eine Wanderung unternommen. Ich wollte direkt aus der Stadt hoch in Richtung Oberbozen losgehen. Aber dann war der Weg wegen Unterhaltsarbeiten gesperrt. So wanderte ich dann erst einmal westwärts über St. Peter auf Karnol und dann hoch. Menschenleer, aber guter Weg. Oben war dann mehr los, bei der Bahnstation gab es sogar ein ziemliches Gewusel. Mit der Rittner Bahn hätte ich die Gegend noch etwas mehr erkunden können, aber ich liess es angesichts der Menschenmenge bleiben. Die Schmalspurbahn ist ein Überbleibsel einer Zahnradbahn von Bozen hoch, welche vor Jahrzehnten durch die Rittner Seilbahn ersetzt worden ist, weil die Kapazität nicht ausreichend war. Diese ist heute eine moderne Dreiseilumlaufbahn.


Die Stadt Bozen hat einen sehr schönen Altstadtkern. Und wenn man dort flaniert, hat man das Gefühl, das wäre ganz Bozen. Gegen Westen hat es dann eine ziemlich ausgedehnte Neustadt, die sich bis zum Kloster Muri Gries und weiter erstreckt. Dazu natürlich weitere neuere Quartiere drum herum.

Bozen, das wurde mir schnelle klar, ist nicht Italien. Sondern eben Südtirol. Es sieht schon nicht nach Italien aus. Fast alle sprechen Deutsch. Nur im einen Supermarkt war einer an der Kasse, der nur Italienisch konnte. Auffällig ist auch das Bahnangebot ab Bozen. In Richtung Innsbruck hat es mehr Verbindungen als in Richtung Trient, welches die nächste grosse Stadt entlang der Bahnstrecke ist.

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