
Ich fahre ja immer wieder mal nach Biel. Und vor Solothurn (genauer: bei Lutersbach-Attisholz bzw. beim Emmenspitz) entstand in den letzten Jahren ein sehr markantes Gebäude. Aus dem Zug war das jeweils kaum zu übersehen. Auf dem Areal stand schon lange eine Müllverbrennungsanlage. Und so wird das die neue sein. Kenova heisst sie.

Als Kind fand ich es faszinierend, der Müllabfuhr zuzuschauen. Und als ich dann selber einen Sohn hatte, sah ich diese Faszination auch bei ihm. Warum eigentlich? Da sind die Müllmänner, fahren mit diesem speziellen Camion in der Gegend rum, halten immer dort an wo es etwas aufzuladen gibt. Dann rein mit dem Zeugs. Immer wieder mal geht die Presse an, die von so einem charakteristisches Geräusch der Kompressoren begleitet wird. Und natürlich die überlauten Knackgeräusche von dem Material, das da zusammengedrückt wird. Und dann geht es mit Getöse weiter. Bei uns damals ging es in die MÜRA, die später dann MÜVE hiess. Immerhin: Die Müllmänner sind die Stars der Kinder. Gut so.

Nebst der Faszination zum Müllauto und ihren Männern beschlich mich immer wieder auch ein eigenartiges Gefühl. Was in den Müll gerät, geht dann weg. Unwiderbringlich. Als wir dann in der Schule einmal diese MÜRA besichtigt haben, fand ich die Anlage zwar faszinierend. Damals wurde der Siedlungsmüll teilweise kompostiert und teilweise verbrannt. Wir standen als kleine Schüler vor dem riesigen Bunker voller Abfall. Der typische, miefige Geruch (oder war es eher ein Gestank?) und das Wirrwarr von Dingen, die die Menschen aus der Region nicht mehr brauchten. Aber ach: Da erspähte mein Auge auch das eine oder andere hübsche Ding. Wer kann so etwas wegschmeissen? Und dann kam der Greifer. Und ab in den Ofen damit.

Endgültig. Weg. Sperrmüll wird zuerst geschreddert, damit es nicht zu Verstopfungen auf dem Weg zum Ofen kommt. Emotionslos.
Mein Verstand findet: Ja, macht Sinn. Müll verbrennen, die Wärme zum Heizen und zur Stromgewinnung nutzen. Besser als das Zeugs zu verbuddeln und den Boden damit zu vergiften. Eine gute Rauchgasreinigung braucht es. Auf einer Tafel steht, dass der jährliche Schadstoffausstoss der Anlage in etwa einem Kilometer einer vielbefahrenen Autobahn entspricht. Da wir viel mehr Kilometer Autobahn haben, ist das fast ein Nichts.
In Zahlen: Fernwärme bis zu 58 MW. Leistung des Generators für elektrischen Strom: 37 MW. Zum Vergleich: Das Laufwasserkraftwerk an der Aare in Schinznach leistet etwa 50 MW. Oder eine SBB Re460 leistet maximal 6 MW. Mit der Leistung des Kenova-Kraftwerks können also ungefähr sechs schwer beladene Züge gleichzeitig anfahren.

Das Gebäude ist ja imposant und will irgendwie nicht so eine technische Anlage sein wie die alte, die dahinter gerade abgerissen wird. Es gab also einen Architekten. Das ist gut. Auch wenn das ein riesiges Ding ist, ist es doch eine Wohltat, wenn etwas gestaltet wird und nicht nur zweckmässig ist. Immerhin muss man das Gebäude ja mehr als eine Generation lang anschauen. Und ich finde, das ist ganz gut gelungen.

Etwa 50 Jahre lang blieb die alte Anlage in Betrieb. Anstelle einer Sanierung hat man sich für den Neubau entschieden. 15% höher sei dadurch der energietische Wirkungsgrad. Und man kann die Anlage ohne Kompromisse auf den neusten Stand bringen – als ehemaliger Projektleiter weiss ich, dass das eine gute Sache ist.

Und trotzdem bleibt meine eigenartige Beziehung zum Abfall. Irgendwie ist es komisch, alles mögliche einfach wegzuschmeissen. Verpackungen, Verbrauchsmaterialien. Alles ok. Aber die Menge? 1000 t Abfall werden pro Tag angeliefert und rund um die Uhr verarbeitet.
Ich erinnere mich noch gut, als ich damals als Kind begriffen habe, was mit dem Abfall geschieht: Ab in die Verbrennung. Und einmal im Monat war Sperrgutabfuhr. Ich war im Quartier unterwegs und erspähte einen zerschlissenen Teddybären, der von jemandem fortgeworfen worden ist. Er lag einfach da auf dem Haufen zu entsorgenden Mülls. Ich schloss ihn in mein Herz. Wie konnte jemand nur so herzlos sein, und so etwas fortwerfen? Was hat der Teddybär nicht alles erlebt? Wieviele Tränen hat er abbekommen und getröstet. Aber mitnehmen wollte ich ihn auch nicht. Zu schmutzig, zu abgenutzt war er. Doch ein metaphysisches Gruseln bleibt bis heute. Und gewisse Dinge kann ich nicht fortwerfen. Vielleicht ganz gut so.
Die Bilder entstanden anlässlich des Tags der offenen Tür der Kenova am 22. August 2026 (von ihnen Eröffnungstage genannt). Ich dachte, da gehen nicht viele Leute hin. Falsch gedacht. Die Warteschlangen waren doch recht lange. Ein sehr lohnenswerter Besuch. Danke, liebe Organisatoren.
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